Fazit:
Ein weiterer Irving-Klassiker - genial melancholisch
bis humorvoll. |
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John Irving-Fans dürfte es wohl kaum verwundern, daß Witwe für
ein Jahr eine weitläufige Mischung aus Farce und Tragödie ist,
in der es nur so wimmelt von Schriftstellern. Gleich zu Beginn
ertappt die 4jährige Ruth Cole ihre melancholische Mutter Marion
in flagranti mit dem 16jährigen Eddie, nachdem dieser Ted --
Ruths liebestollen Vater, dessen Ehe mit Marion nur noch auf
dem Papier existiert -- nach einer von Teds Sauftouren wieder
einmal nach Hause gefahren hat.
Eddie schreibt den Rest seines Lebens Romane wie "Sechzig Mal",
seinen Schlüsselroman über die 60 Mal, die er Marion verführt
hat. Ted ist ein gescheiterter Romanschriftsteller, dem die
auf Ruths Gute-Nacht-Geschichten basierenden Kindermärchen,
wie z.B. "Die Maus, die zwischen den Wänden krabbelt", zu Reichtum
und Ruhm verholfen haben. Marion verläßt Ruth, Ted und Eddie
und entpuppt sich schließlich als erfolgreiche, unter einem
Pseudonym schreibende Schriftstellerin. Von all den vorkommenden
Schriftstellern ist Ruth am Ende jedoch die erfolgreichste,
dank Ted, der sie frühzeitig in die Kunst des Schreibens eingeweiht
hat. Er erzählt ihr nicht nur Märchen, sondern hilft ihr auch
dabei, ihre eigenen Geschichten zu erfinden, die die vielen
Photos in ihrem Haus erklären, auf denen ihre Brüder zu sehen
sind, die in einem Autounfall ein Jahr vor ihrer Geburt ums
Leben gekommen sind. Der Schmerz über den Verlust ihrer Söhne
ist der Grund für Marions Unfähigkeit, Ruth zu lieben.
Äußerst gelungen ist die Figur der Ruth, Irvings erste weibliche
Hauptfigur. In beiden Rollen -- der des phantasievollen Kindes,
das in dem Versuch, mit seiner Familie ins reine zu kommen,
stark an die Werke Salingers erinnert, und der der Erwachsenen,
die die Beweggründe ihrer Mutter zu verstehen oder diese zumindest
zu ergründen sucht -- ist sie eine wahre Glanzleistung. Ted
ist eine beißend-lustige Karikatur, dessen finstere Art und
selbstgerechtes Verhalten in den unmöglichsten Situationen mysteriös
und verständlich zugleich wirken. Eddie ist ein liebenswerter
Schelm, doch ohne Weichzeichner gezeichnet.
Was für gewaltige Szenen Irving immer wieder zu schaffen vermag!
Die Geschichte vom Tod der Jungs ist nicht nur grauenerregend,
sie stellt auch auf wirkungsvolle Weise den Charakter Teds dar,
der sie erzählt. Der Mordversuch einer abgewiesenen Liebhaberin
an Ted ist ebenso rasend komisch wie die VW-die-Marmortreppe-runter-Szene
in Owen Meany (die von den Disney-Studios verfilmt wurde), allerdings
nicht ganz auf einer Stufe mit der berühmten Episode von "Pension
Grillparzer" in Garp und wie er die Welt sah (neu erschienen
in einer Jubiläumsausgabe anläßlich des zwanzigjährigen Bestehens
des Modern Library Verlags).
Mit seiner Dreistigkeit kommt Irving mit praktisch jeder Szene,
die ihm in den Sinn kommt, beim Leser durch: Ruth wird in Amsterdam
zufällig Zeugin des Mordes an einer Prostituierten, ein holländischer
Detektiv stellt ihr nach (natürlich gerade zu dem Zeitpunkt,
als Ruth Marion auf den Fersen ist), und schließlich münden
die verschiedenen Handlungsstränge alle in einer Schlußszene,
die beinahe mit der Anfangsszene des Buches identisch ist. Erzählt
wird die Geschichte im maßlos zufälligen und dennoch absolut
realistischen Stil eines Charles Dickens, begleitet von einer
reflektierten Scherzhaftigkeit, die an Irvings Mentor, Kurt
Vonnegut, erinnert.
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